Die Heldin hängt ihren BH an die Wäscheleine – Über Brustkrebs, Zusammenhalt und ein Netzwerk, das Frauen auffängt
Aktualisiert: 7. Okt.

Ein Artikel von anja Paul
KOBLENZ WIRD PINK
Was Koblenz im Oktober sichtbar macht – und wer das ganze Jahr über da ist
Geh im Oktober durch die Koblenzer Altstadt und schau nach oben. Zwischen den Häusern spannen sich Wäscheleinen, und daran hängen BHs. Pink, in allen Schattierungen. Spitze, Sport-BHs, welche mit Bügel, welche ohne. Es sieht fröhlich aus.
Und dann hängt da ein schwarzer.
Da hat nicht jemand beim Einfärben geschlampt. Der Grund ist einfach und doch erschreckend.
Denn jede achte Frau erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.
Jeder achte BH an diesen Leinen ist deswegen schwarz. Du gehst darunter durch und zählst unwillkürlich mit.
Das ist der Moment, in dem eine ganze Stadt aufhört, höflich zu schweigen. Wegschauen wird unmöglich.

Vom kleinen Herz zur Wäscheleine
Angefangen hat das bei mir mit etwas sehr Kleinem.
Auf dem Frauenbarcamp im Frühjahr liegt da in meiner Hand plötzlich ein kleines Herz. Ein Schlüsselanhänger aus Stoff, handgenäht, gerade so groß, dass er in meine Handfläche passt. Ich habe es festgehalten und gedacht: Hier sind Heldinnen am Werk.
Denn das kleine Herz hat ein großes Geschwisterchen: das Herzkissen. Du bekommst es vielleicht nach einer Brustoperation. Es entlastet die Narbe, liegt einfach da und ist weich. Genäht von Frauen. Verschenkt an Frauen. Finanziert durch Spenden und Sponsoren, denen das Thema ebenso am Herzen liegt. Es ist der Punkt, an dem du dich nicht mehr allein mit dem Thema fühlst. „Herzkissen – Gemeinsam gegen Krebs“ heißt die Initiative, aufgebaut von Alexandra Weber.
Und aus dem kleinen Herz, verteilt auf einer Veranstaltung, wird im Oktober etwas sehr Großes: unzählige BHs über der Altstadt, die das Thema noch sichtbarer machen. Diese Aktion hat Alexandra Weber nicht allein aufgebaut, sondern gemeinsam mit Katja Stein.
Katja Stein paddelt. Mit den Pink Paddlern sitzt sie im Drachenboot auf der Mosel, gemeinsam mit Frauen nach Brustkrebs – im Takt, mit Schultern und Armen, die nach einer Achsel-OP nach früheren Meinungen eigentlich geschont gehören. Dass sie dabei gemeinsam auf dem Wasser sind und nicht allein im Wartezimmer, ist kein Nebeneffekt.
Das ist der Punkt.
Gemeinsam haben die beiden im letzten Jahr zum ersten Mal die BH-Aktion ins Leben gerufen: Frauen aus der ganzen Stadt geben ihre BHs an verschiedenen Sammelstellen ab, und im Oktober hängen sie über der Koblenzer Altstadt.

Ein Netz, das bleibt
Sichtbar wurde das alles für mich durch ein kleines Herz. Aber dahinter steckt viel mehr. Denn „Koblenz wird pink“hört nicht im Oktober auf.
Die Initiative gibt es schon seit einigen Jahren. Inzwischen ist daraus ein großes Netzwerk entstanden, das Menschen mit Brustkrebs und ihre Angehörigen das ganze Jahr über mit denen verbinden möchte, die helfen können. Mit dabei sind heute schon die Brustzentren im Kemperhof und im Marienhof, die Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz, die Frauenselbsthilfe Krebs, das Mammographie-Screening Mittelrhein und die Gleichstellungsstelle der Stadt Koblenz. Und es sollen noch viel mehr werden.
Die Idee ist so einfach, dass man sich fragt, warum es sie nicht längst gibt: Eine Frau mit einer Diagnose soll sich ihre Unterstützung nicht einzeln zusammensuchen müssen. Nicht die Physiotherapeutin, die sich mit Lymphödemen auskennt. Nicht das Wäschegeschäft mit Sanitätshauszulassung, in dem sie nach der Operation einen Nachsorge-BH, eine Brustepithese oder eine künstliche Brustwarze bekommt. Nicht die Yogagruppe, in der niemand komisch guckt. Nicht die Selbsthilfegruppe, von der sie sonst vielleicht erst nach einem Jahr erfährt. Und dasselbe gilt für den Partner, die Tochter, die Freundin, die gerade nicht wissen, wohin mit sich.
Gerade wenn die Therapie vorbei ist, die Termine weniger werden, das Team aus dem Krankenhaus nicht mehr jede Woche da ist und alle anderen denken, jetzt sei es geschafft – dann kommt für viele Frauen die große Frage:
Wie geht es weiter? Wer ist jetzt für mich da? Wo finde ich Unterstützung?
Genau in diesem Moment soll jemand erreichbar sein.
Ein Netz, von dem alle etwas haben: die Betroffenen, weil sie finden, was sie brauchen. Und die Netzwerkpartner, weil sie die Menschen erreichen, für die sie da sein wollen.
Warum das Heldinnen sind
Keine von ihnen musste.
Es gibt keine Pflicht, aus einer Diagnose etwas zu machen, das anderen nützt. Eine Frau, die Brustkrebs bekommt, hat genug damit zu tun, die nächsten Monate zu überstehen. Sie darf sich zurückziehen, und das ist kein Versagen. Durchhalten ist schon heldinnenhaft. Nur wird es meistens vorausgesetzt statt gewürdigt.
Und manche gehen dabei noch einen anderen Weg: Sie teilen ihre Geschichte. Sie machen aus etwas zutiefst Privatem etwas Gemeinsames. Sie entwickeln aus dem eigenen Schicksal eine Vision, die über sie hinausreicht – und die auch dann noch trägt, wenn sie selbst sie vielleicht längst nicht mehr brauchen.
Das verlangt Mut. Um über Herzkissen zu sprechen, musst du über Narben sprechen. Um eine BH-Leine über die Altstadt zu spannen, musst du bereit sein, ein Thema öffentlich zu machen, bei dem die meisten lieber wegsehen.
Alexandra Weber und Katja Stein waren dazu bereit. Und daraus wurde eine Stadt, die im Oktober die Farbe wechselt – und ein Netz, das das ganze Jahr trägt.
Nähen. Rudern. Sammeln. Verbinden.
Jede auf ihre Art eine Heldin und zusammen noch so viel stärker.
Damit das Netz wächst – The Female Hub ruft Dich zu einer Spende auf
Ein Netzwerk dieser Größe entsteht nicht nebenbei. Wenn du dazu beitragen möchtest, dass „Koblenz wird pink“ das ganze Jahr über Anlaufstelle sein kann, freuen sich Alexandra Weber und Katja Stein über deine Spende.
Empfänger: Koblenz wird pink gUG (haftungsbeschränkt)
Volksbank Rhein-Lahn-Limburg
IBAN: DE54570501200000366260
BIC: GENODE51DIE
Verwendungszweck: Spende Koblenz wird Pink
Geh im Oktober durch die Koblenzer Altstadt und schau nach oben.
Jeder BH an diesen Leinen gehört zu einer Frau. Pink oder schwarz. Zu einer, die krank ist oder war. Zu einer, die gesund ist und hofft, dass es so bleibt. Zu einer, die gerade ihre Mutter begleitet, ihre Schwester, ihre Freundin.
Heldin sein beginnt nicht erst da, wo jemand ein Netzwerk gründet. Es beginnt da, wo eine Frau ihren eigenen Weg geht – mit allem, was das Leben ihr gerade abverlangt. Ob sie krank ist oder gesund. Ob sie laut ist oder leise. Ob sie andere trägt oder gerade selbst getragen werden muss. Egal, wohin dieser Weg führt.
Wir sind Heldinnen.
Alle. Auch die, die gerade einfach durchhalten.
Was eine Diagnose mit deinem Nervensystem macht – und was dir in dieser Zeit guttun kann –, darüber schreibe ich hier:[LINK ZU ARTIKEL 2]
Pinktober 2026 in Koblenz – ausgewählte Termine

2. Oktober · 16–20 Uhr
Eröffnung der BH-Aktion · Wäschegeschäft Laura Löber, Marktstr. 12. Feier ab 17 Uhr im Oh la la, Entenpfuhl.
17. Oktober · 14 & 17 Uhr
Unterwäschemodenschau von Betroffenen für Betroffene · Pink Paddler Koblenz, Marktstr. 12.
20. Oktober · 18 Uhr
Walk and Talk · Frauenselbsthilfe Krebs, Treffpunkt Görresplatz.
23. Oktober · 15–19 Uhr
Herzkissen nähen und stopfen · Herzkissen gUG, Tante ÄNNi Stoffladen, St. Sebastian.
28. Oktober · 17:30 Uhr
Gesprächsrunde „Gemeinsam gegen Brustkrebs“ · Brustzentrum Kemperhof.
Das vollständige Programm steht im Aktionsflyer Pinktober 2026 und auf koblenz-wird-pink.de.

Anja Paul ist Koblenzerin.
Sie begleitet als Mentorin und Coach sensible Mädchen, Frauen und Mütter dabei, emotionale Verbindung, Zyklusbewusstsein und weibliche Selbstfürsorge neu zu verstehen und im Alltag zu leben. Als Mama von zwei Töchtern verbindet sie neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit intuitiver, körperorientierter Arbeit und schafft Räume für echte Transformation.







Danke von Herzen für diesen wertvollen Beitrag, liebe Anja! Du bist eine große Bereicherung im Hub. Ich wünsche mir, dass wir viele Frauen erreichen und in diesem pinken Oktober gemeinsam etwas Gutes tun können! Iris