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Wie nett ist eine Heldin? Über People Pleasing, schlechtes Gewissen und den Mut, nicht immer Everybody’s Darling zu sein.

1. Okt.
9 Min. Lesezeit

von Julia Bauer


Man meint ja, dass nette Menschen gute Menschen sind. Und dass gute Menschen sich immer Mühe geben.


Sie antworten auf Nachrichten, auch wenn sie gerade keine Lust haben. Sie hören sich die Geschichte zum dritten Mal an, obwohl sie beim ersten Mal schon ziemlich genau verstanden haben, worum es geht. Sie bringen noch schnell etwas mit, springen ein, wenn jemand ausfällt, sagen „Kein Problem“ – obwohl es sehr wohl ein Problem ist – und überlegen sich auf dem Heimweg, ob ihre Absage gerade vielleicht ein bisschen unfreundlich klang.


Ich kenne diese Frau ziemlich gut. Ich war selbst lange eine von ihnen. Und um an dieser Stelle ganz ehrlich zu sein: Ich bin es noch immer – manchmal.

Gestern erst: Ich hatte eine volle Arbeitswoche und war am Wochenende alleine mit unserer Tochter – Mathelernen, Chaos im Haus beseitigen, eine gemeinsame Unternehmung am Samstag. Sonntagmorgen hat mir mein Körper ganz klare Signale gegeben, dass heute ein Tag im Schlafanzug auf dem Sofa wichtig ist, um Kraft für die neue Woche zu tanken. Am Nachmittag klingelte meine Nachbarin und fragte, ob sie auf einen Schwatz und eine Tasse Tee vorbeikommen kann. Meine Antwort hätte eigentlich lauten sollen: „Eine schöne Idee, aber heute brauche ich dringend Ruhe, gerne ein anderes Mal.“ Wie sie tatsächlich lautete? „Klar, komm rein.“ Das Ende vom Lied war: Sie saß drei Stunden auf meinem Sofa, quatschte über Gott und die Welt und ich war am Abend so erschöpft, als hätte ich den ganzen Tag gearbeitet. Meine Akkus waren leer. Und das am Sonntagabend.


Ist das nicht eine ziemlich eigenartige Vorstellung von Heldinnentum? Eine Heldin ist immer für andere da, sie ist stark, mutig und selbstlos. Sie hält aus, übernimmt Verantwortung, findet eine Lösung und bleibt dabei bitte möglichst sympathisch. Wer definiert das eigentlich?

Ich frage mich inzwischen, ob wir Frauen nicht viel zu oft dafür gefeiert werden, wie gut wir diese Rolle spielen. Denn was passiert eigentlich mit einer Frau, die irgendwann keine Lust mehr hat, nett zu sein?


Die, die immer noch schnell ...


Es gibt diese kleinen Sätze, die im Alltag kaum auffallen.

„Ich kann das noch schnell machen.“
„Ja klar, schick es mir, ich kümmere mich.“
„Ich komm kurz vorbei.“
„Ist schon okay.“
„Mach dir keinen Kopf.“
„Kein Problem.“

Und plötzlich ist der Tag proppevoll mit Dingen, die man eigentlich gar nicht machen wollte. Ich kenne Frauen, die morgens schon drei Menschen versorgt haben, bevor sie selbst von ihrem Kaffee genippt haben. Frauen, die Geburtstagsgeschenke für Menschen organisieren, mit denen sie kaum etwas zu tun haben, weil es sonst niemand macht. Frauen, die im Büro noch schnell die Präsentation korrigieren, zu Hause den Elternabend koordinieren und nebenbei daran denken, dass die Freundin gerade eine schwere Zeit hat und man sich „unbedingt mal melden“ müsste. Alles für sich genommen kein Drama. Zusammen ergibt es ein ziemlich dichtes Netz aus kleinen Verantwortlichkeiten, in dem man irgendwann selbst kaum noch Platz findet. 50 geöffnete Tabs im Kopf, die so viel Energie ziehen.


Und das Verrückte daran: Wie oft werden wir dafür gelobt.

„Du bist so zuverlässig.“

„Auf dich kann man sich immer verlassen.“

„Du bist so großzügig.“

„Du hast ein großes Herz.“

„Du bist so unkompliziert.“


Klar, das sind schöne Sätze, die runtergehen wie Öl. Ich habe selbst schon viele davon gesagt bekommen und mich darüber gefreut. In den letzten Jahren hab ich begonnen, mich zu fragen, für was ich da eigentlich gelobt wurde. Meine Hilfsbereitschaft? Meine Verlässlichkeit? Oder die Tatsache, dass ich selten Umstände mache? Das ist ein kleiner, aber äußerst wichtiger Unterschied.


Die gute Frau


Wir haben alle ein ziemlich gut trainiertes Bild davon, wie eine „gute“ Frau sich zu verhalten hat. Sie ist aufmerksam, verständnisvoll, empathisch. Sie denkt mit. Sie fragt nach. Sie kann sich in andere hineinversetzen. Sie findet die richtigen Worte. Sie macht kein großes Aufheben um sich selbst. Und wenn sie einmal laut wird, darf sie hinterher am besten noch erklären, warum.


Eine Frau, die ihre Meinung sagt, kann schnell als schwierig wahrgenommen werden. Als zickig. Eine Frau, die ihre Grenzen deutlich macht, als anstrengend. Eine Frau, die nicht helfen möchte, als egoistisch. Eine Frau, die sich zurückzieht, wenn ihr alles zu viel wird, als kühl. Eine Frau, die auf eine Einladung einfach mit „Nein, danke“ antwortet, ohne eine dreiteilige Begründung hinterherzuschieben, muss offenbar erst noch ein bisschen an ihrer sozialen Kompetenz arbeiten. Meine beste Freundin zum Beispiel, hat null Problem damit, auf die Frage, ob sie zum Beispiel an meinem Kurs X, Y, Z teilnehmen will, zu antworten: „Ach nein, wahrscheinlich eher nicht." Ich gebe an dieser Stelle mal zu, dass diese Offenheit bei mir, der versierten People Pleaserin, nach all den Jahren immer noch einen kleinen inneren Stolperer verursacht.


Natürlich ist das nicht immer so. Natürlich gibt es Menschen, die mit klaren Grenzen wunderbar umgehen können. Und natürlich kann Rücksichtnahme etwas sehr Schönes sein. Aber wir kennen doch alle diese feinen Reibungen. Die Freundin, die leicht angefressen ist, weil wir dieses Mal nicht mitkommen. Der Kollege, der überrascht schaut, weil wir eine zusätzliche Aufgabe ablehnen. Das Familienmitglied, das sagt: „Früher hast du das doch auch gemacht.“ Und plötzlich stehen wir da und fragen uns, ob wir vielleicht tatsächlich ein bisschen egoistisch geworden sind. Oder ob wir einfach aufgehört haben, automatisch Ja zu sagen und einfach angefangen haben, unsere persönlichen Kapazitäten und Grenzen zu priorisieren.


Das Problem mit dem Nettsein


Nettsein ist eine wunderbare Eigenschaft. Ich möchte ausdrücklich dafür plädieren, nett zu sein. Ich mag Menschen, die freundlich sind. Ich mag Menschen, die mitdenken. Ich mag Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft und Empathie. Selbstsüchtige Idioten mag ich nicht.


Nur: Nettsein darf keine Währung sein, mit der wir uns Zugehörigkeit kaufen. Und es darf schon gar nicht bedeuten, dass wir uns selbst ständig an die letzte Stelle setzen. Denn irgendwann wird aus Rücksichtnahme Selbstverleugnung. Aus Hilfsbereitschaft wird Überforderung. Aus „Ich möchte niemanden enttäuschen“ wird ein Leben, in dem viele andere Menschen bekommen, was sie brauchen – und man selbst irgendwann nicht mehr so genau weiß, was das eigentlich war.


Vielleicht kennst du diesen Moment: Jemand fragt dich, ob du am Samstag helfen kannst. Du hast eigentlich überhaupt keine Zeit. Dein innerer Kalender sagt sofort nein, dein Mund sagt trotzdem „Klar, kriegen wir hin“. Erst später kommt dieses leise Gefühl, das irgendwo zwischen Ärger und schlechtem Gewissen sitzt. Warum habe ich eigentlich zugesagt? Und noch wichtiger: Warum hatte sich ein Nein in diesem Moment so viel schlimmer angefühlt als die Vorstellung, meinen eigenen Samstag dafür herzugeben?


Eine Heldin darf jemanden enttäuschen


Das ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Gedanken: Eine Frau kann etwas richtig machen und trotzdem jemanden enttäuschen.


Sie kann eine Grenze setzen, die dem anderen nicht gefällt.

Sie kann eine Entscheidung treffen, die jemand egoistisch findet.

Sie kann eine Freundschaft beenden, die ihr nicht mehr guttut.

Sie kann ihren Job kündigen, obwohl die Eltern das für verrückt halten.

Sie kann auf einer Familienfeier nicht diejenige sein, die sich um alles kümmert.

Sie kann sagen: „Ich möchte darüber gerade nicht sprechen.“

Sie kann sogar ihre Meinung ändern, obwohl sie sie vor zwei Jahren noch mit großer Überzeugung vertreten hat. (Diesen Punkt finde ich besonders wichtig.)

Und sie muss dafür nicht erst beweisen, dass ihre Entscheidung wirklich notwendig war.


Das finde ich einen ziemlich befreienden Gedanken.

Denn wir sind es gewohnt, unsere Entscheidungen vor anderen zu rechtfertigen. Wir liefern Gründe, wägen ab, erklären, beschwichtigen. „Ich würde ja wirklich gern, aber …“ Und dann folgt eine kleine PowerPoint-Präsentation unseres schlechten Gewissens. Dabei ist ein Nein erst einmal eine vollständige Antwort.


„Ich habe dafür keine Zeit.“

„Ich möchte das nicht.“
„Das passt für mich gerade nicht.“
„Ich kann das nicht übernehmen.“
„Ich komme dieses Mal nicht mit.“

Alles Sätze, die ich mir aufgeschrieben hab, damit ich sie parat hab, wenn ich entscheide, sie zu brauchen. Weiter unten findet ihr übrigens ein kleines Cheat Sheet für all die People Pleaserinnen unter uns, die ein bisschen „Futter“ zum Üben in herausfordernden Situationen brauchen.


Die Sache mit dem schlechten Gewissen


Das verdammt Schwierige ist: Nur weil wir etwas zum ersten Mal anders machen, fühlt es sich nicht automatisch richtig an. Manchmal fühlt es sich einfach ungewohnt an.

Wer jahrelang diejenige war, die alles zusammenhält, kann sich beim ersten abgesagten Termin ziemlich mies fühlen. Wer immer erreichbar war, wird die erste unbeantwortete Nachricht vielleicht nicht als Befreiung, sondern als kleines Verbrechen erleben. Wer gelernt hat, Konflikte möglichst schnell zu glätten, wird einen stehen gelassenen Streit erst einmal kaum aushalten.

Das bedeutet nicht, dass die Entscheidung falsch war. Es bedeutet nur, dass wir gerade etwas anders machen als bisher.


Was wäre, wenn schlechtes Gewissen nicht immer ein Warnsignal wäre?


Dieser Gedanke gefällt mir. Denn manchmal zeigt das schlechte Gewissen nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Manchmal zeigt es nur, dass wir eine alte Regel gebrochen haben.


Die Regel, dass wir helfen.

Dass wir verfügbar sind.

Dass wir freundlich bleiben.

Dass wir Verständnis haben.

Dass wir die Stimmung retten.

Dass wir niemanden vor den Kopf stoßen.

Dass wir es irgendwie hinbekommen.


Und dann gibt es noch die anderen Frauen …


Was ich dabei fast noch spannender finde: Wie reagieren wir selbst eigentlich, wenn eine andere Frau plötzlich nicht mehr mitspielt?

Wenn die Kollegin nicht einspringt.

Wenn die Freundin ihren Geburtstag lieber allein verbringen möchte.

Wenn die Mutter sagt: „Dieses Jahr mache ich Weihnachten anders.“

Wenn eine Frau aus dem Freundeskreis plötzlich nicht mehr bei jedem Problem die emotionale Notaufnahme spielt.

Wenn jemand sagt: „Ich weiß, dass du das anders siehst. Ich mache es trotzdem so.“


Wir können uns darüber ärgern. Wir können enttäuscht sein. Wir können jemanden vermissen. All das darf sein. Aber wir müssen daraus nicht sofort ein Urteil über ihren Charakter machen.

Denn eine Frau, die ihre Grenze setzt, ist nicht automatisch weniger solidarisch. Eine Frau, die nicht hilft, ist nicht automatisch herzlos. Eine Frau, die sich selbst wichtig nimmt, hat nicht automatisch vergessen, dass es andere Menschen gibt.

Und andersherum gilt natürlich auch: Eine Frau, die gern hilft, muss sich dafür nicht rechtfertigen. Sie darf großzügig sein, sich kümmern, backen, organisieren, zuhören und zehn Menschen gleichzeitig zum Essen einladen, wenn sie genau das möchte.


Der Unterschied liegt für mich in einem kleinen Wort:

Möchte.

Nicht: „Ich muss.“

Nicht: „Sonst macht es ja keiner.“

Nicht: „Dann sind alle sauer.“

Sondern: Ich möchte.


Das verändert ziemlich viel.


Die Heldin mit den schlechten Manieren


Vielleicht brauchen wir deshalb ein etwas anderes Bild von Heldinnen.

Eine Heldin darf unpraktisch sein. Sie darf ihre Meinung ändern. Sie darf jemandem eine Absage erteilen und anschließend nicht den ganzen Abend darüber nachdenken, ob die Person jetzt schlecht von ihr denkt.


Sie darf auf einer Party irgendwann sagen: „Ich bin müde, ich gehe nach Hause“, obwohl die anderen noch bleiben.

Sie darf eine Einladung ablehnen, ohne einen Paralleltermin zu erfinden.

Sie darf sich freuen, wenn jemand anderes den Kuchen mitbringt.

Sie darf einen Streit nicht sofort lösen.

Sie darf auf eine Nachricht erst morgen antworten.

Sie darf sagen: „Das ist mir gerade zu viel.“

Und ja, sie darf auch einmal die Frau sein, über die jemand sagt: „Früher war sie irgendwie anders.“


Was für ein Satz.

Früher war sie anders.

Das kann sogar stimmen.

Sie war früher sehr damit beschäftigt, dass alle anderen sich wohlfühlen.


Ich will nicht weniger nett werden


Ich möchte gar keine Frau werden, die grundsätzlich ihr Ding macht und dabei links und rechts alles umrennt. Das wäre für mich keine Freiheit, sondern eine andere Form von Gefangenschaft. Ich möchte weiterhin Menschen helfen. Ich möchte mich kümmern. Ich möchte großzügig sein und zuhören und für die Menschen, die mir wichtig sind, da sein.

Aber ich möchte besser unterscheiden können, wann ich aus Liebe gebe und wann aus Angst.

Angst davor, jemanden zu enttäuschen.

Angst, als egoistisch zu gelten.

Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.

Angst, dass jemand sauer sein könnte.

Angst, nicht mehr die zu sein, auf die man sich immer verlassen kann

.

Das ist für mich die interessantere Seite des Heldinnenthemas. Nicht die große Geste, bei der jemand über sich hinauswächst. Sondern die leise Entscheidung, die eigene Rolle einmal infrage zu stellen. Aus meiner Sicht ist das häufig sogar mutiger …

Zu sagen: „Heute nicht.“ Den anderen ihren Ärger zu lassen. Eine Aufgabe zurückzugeben, die man jahrelang übernommen hat. Nicht sofort zu vermitteln. Nicht alles zu erklären. Und auszuhalten, dass jemand einen für einen Moment vielleicht nicht besonders nett findet. Dinge einfach mal stehen zu lassen. Mit ihnen zu sein.


Eine kleine Zumutung


Ich mag den Gedanken, dass wir Frauen uns gegenseitig ein bisschen mehr zumuten dürfen.

Dass eine Freundin auch einmal sagen darf: „Das sehe ich anders.“ Dass wir nicht jede Stimmung auffangen müssen. Einer anderen Frau zutrauen zu können, eine Enttäuschung auszuhalten. Dass wir nicht sofort einspringen, wenn jemand „Kannst du mal kurz …?“ sagt. Dass wir uns gegenseitig nicht nur darin bestärken, wie viel wir schaffen, sondern auch darin, Dinge abzugeben.

Und dazu gehört auch, dass wir selbst lernen, eine andere Frau nicht sofort als schwierig zu empfinden, nur weil sie uns gerade keine angenehme Antwort gibt. Denn eine Frau, die immer für alle angenehm ist, ist vielleicht vor allem eines: sehr geübt darin, sich selbst zurückzunehmen.


Ich möchte lieber eine Frau sein, die freundlich sein kann, ohne immer gefällig zu sein. Die großzügig sein kann, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Die für andere da ist, ohne ständig zuständig zu sein.

Eine Frau, die mit offenem Herzen und offenem Visier durch ihr Leben geht.

Und wenn das bedeutet, dass ich gelegentlich jemanden enttäusche, dann muss ich damit wohl leben. Eine Heldin muss schließlich nicht nett sein.


Sie darf echt sein.


Julia


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