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Die hellblaue Schnur - Über meine Brustkrebserkrankung, die Angst um meine Kinder und ein neues Vertrauen ins Leben

1. Okt.
4 Min. Lesezeit
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Ein Gastbeitrag von Nessi Hopkins


Meine 7-jährige Tochter hat vor ein paar Wochen angefangen zu häkeln. Irgendwann kam sie mit einer hellblauen Schnur zu mir. Mehrere Meter lang. Geflochten, verknotet, ein bisschen krumm.

Sie spannte sie von ihrem Bett aus durch den Flur, unter den Türen hindurch, bis zu meinem Bett.

„Wenn ich nachts Angst habe, ziehe ich daran. Dann weiß ich, ob du noch da bist.“

Ich schluckte. In der Nacht zog sie. Ich zog zurück. Ja, ich war noch da.


Diese Schnur hängt immer noch zwischen unseren Zimmern. Und irgendwie ist sie für mich zu einem Symbol geworden für die letzten Monate. Für die Angst. Für die Verbindung. Für das Festhalten. Und für die Kraft, die plötzlich da ist, wenn man keine andere Wahl hat.


Vor ein paar Monaten war unser Leben noch normal. Also dieses normale Familienleben mit zwei Kindern, Arbeit, Wäschebergen, Terminen und der täglichen Diskussion darüber, warum man einen pinken Löffel nicht benutzen kann, wenn man eigentlich den grünen wollte.

Dann kam die Diagnose. Krebs. Brustkrebs. Und plötzlich war nichts mehr normal.


Krankenhaus statt Alltag. Infusionsständer statt Einkaufsliste. Und gleichzeitig eben doch: Frühstück machen. Kinder zur Schule bringen. Brotdosen packen. Streit schlichten. Vorlesen. Kuscheln. Leben.


Es ist absurd, wie gleichzeitig alles auseinanderbrechen und einfach weiterlaufen kann. Auch die Frage „Wie geht es dir?“ ist seitdem keine kleine Frage mehr. Was soll man darauf antworten? Gut? Schlecht? Ängstlich? Dankbar? Erschöpft? Stark? Alles davon stimmt.


Neun Monate geschafft, fünf liegen noch vor mir.


Chemotherapie. Operation. Bestrahlung. Krankenhäuser, Haarausfall, Perücken, Müdigkeit. Und dazwischen unsere Familie. Freunde. Nachbarn. Menschen, die Essen bringen, Kinder abholen, Nachrichten schreiben, da sind.


Als ich die Diagnose bekam, war mein erster Gedanke nicht: Ich könnte sterben. Mein erster Gedanke waren meine Kinder.

Und dann kam die Angst. Was, wenn ich wirklich sterbe? Was, wenn mein Sohn irgendwann sagt, er könne sich kaum noch an mich erinnern? Was, wenn meine Tochter später erzählt, ihre Mutter sei gestorben, als sie noch klein war?


Ich habe darüber nachgedacht, Briefe zu schreiben. Für Geburtstage. Für später. Allein dieser Gedanke hat mich fast zerrissen. Und gleichzeitig wurden genau diese beiden Kinder zu meiner größten Kraft.

Also habe ich gekämpft. Nicht immer heldenhaft. Nicht immer stark. Und schon gar nicht immer mit einem positiven Mindset. Aber immer weiter.

An unserer Pinnwand hängen Karten. „Du schaffst das.“ „Bleib stark.“ „Du bist so mutig.“ Ich weiß, wie lieb das gemeint ist. Und trotzdem ist dieses Starksein manchmal ganz schön anstrengend.


Weil man irgendwann das Gefühl bekommt, nicht nur für sich selbst stark sein zu müssen, sondern auch für alle anderen. Damit sich niemand zu viele Sorgen macht. Damit die Kinder keine Angst bekommen. Damit die Familie nicht zerbricht. Damit man selbst nicht zerbricht.


„Stay positive!“ Diesen Satz hört man oft, wenn man Krebs hat. Aber manchmal ist da nichts positiv. Manchmal hat man Angst. Manchmal ist man wütend. Manchmal will man einfach nur heulen und fragen: Warum ich?

Und ich glaube inzwischen, dass auch das dazugehören darf.


Denn ich habe diesen Krebs besiegt. Ich habe Narben. Und ich sehe sie inzwischen fast wie Abzeichen. Nicht, weil ich mir diese Geschichte ausgesucht hätte. Sondern weil sie jetzt zu mir gehört.

Was der Krebs mir genommen hat, ist etwas, von dem ich vorher gar nicht wusste, wie wertvoll es ist: Urvertrauen. Dieses selbstverständliche Gefühl, dass schon nichts passieren wird. Dass man gesund ist. Dass man Zeit hat. Dass schlimme Dinge immer nur anderen passieren.

„Mir passiert sowas nicht.“ Ach. Ich bin jetzt die andere.


Seitdem räume ich manchmal das Haus auf, bevor ich gehe. Nicht weil Besuch kommt. Sondern weil ich denke: Was, wenn mir etwas passiert und jemand muss hier rein? Völlig bescheuert. Aber so funktioniert Angst.

Ich muss dieses Vertrauen neu lernen. Nur anders. Nicht das Vertrauen, dass nichts passieren wird. Sondern das Vertrauen, dass ich mit dem umgehen kann, was passiert. Das klingt heldinnenhaft.


Die Frage „Warum ich?“ habe ich mir natürlich gestellt. Ich glaube, jeder tut das. Man sucht nach Gründen. Nach Gerechtigkeit. Nach irgendeiner Erklärung. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass mich diese Frage nicht weiterbringt.


Vielleicht gibt es keine Antwort. Vielleicht ist das Leben manchmal einfach unfair. Und vielleicht bedeutet Akzeptanz nicht, etwas gutzuheißen. Es bedeutet auch nicht, alles schönzureden. Sondern irgendwann sagen zu können:

„Das gehört jetzt zu meinem Leben. Was mache ich daraus?“

Ich glaube, genau da beginnt etwas Neues. Ich sage heute schneller Nein. Ich stelle mich nicht mehr automatisch hinten an. Ich weiß sehr viel genauer, was mir wichtig ist: Gesund sein. Glücklich sein. Menschen um mich haben, die ich liebe. Meine Kinder lachen hören. Einen ganz normalen Dienstag erleben.


Vielleicht klingt das banal. Für mich nicht mehr.


Die hellblaue Schnur hängt übrigens immer noch zwischen unseren Zimmern. Vielleicht braucht meine Tochter sie irgendwann nicht mehr. Vielleicht brauche ich sie dann noch ein bisschen.

Als Erinnerung daran, wie viel Angst wir hatten. Wie sehr wir uns festgehalten haben. Und daran, dass am anderen Ende immer jemand war, der zurückgezogen hat.


Ich bin noch da.


Danke an meine Freundin und Superheldin Nessi Hopkins für diesen Beitrag. Mögen ihn viele Frauen lesen und sich dadurch gesehen, berührt, verstanden, motiviert, bestäkt und vor allem nicht alleine fühlen.


In unendlicher Dankbarkeit, dass Du DA bist – und bleibst! Deine Iris

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Danke für deine ehrlichen Worte. Für dein Teilen der Gedanken, Gefühle, Ängste, Sorgen, die dich durch den Krebs begleitet haben. Danke für deinen Mut, dich zu zeigen und damit anderen Mut zu geben. Danke, dass ich Teil deines Heldinnen-Wegs sein darf - und du Teil meines 🧡💜 Deine Püppi

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