Ein Funke genügt – Julias August Kolumne
- Julia Bauer

- 1. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Über alte Glaubenssätze, die eigene Stimme und den Mut, loszugehen

Ein Beitrag von Julia Bauer
Im Tonstudio ist es beunruhigend still. Ich sitze vor dem Mikrofon, die Kopfhörer auf den Ohren, vor mir liegt der Text einer Meditation, die ich selbst geschrieben habe. Die Tontechnikerin gibt mir noch ein paar Hinweise, dann wird es ruhig. „Du kannst anfangen.“

Eigentlich sieht es nach einem mehr oder weniger „normalen“ Moment aus. Ein Mensch sitzt vor einem Mikrofon und spricht einen Text ein. Für mich ist es alles andere als alltäglich. Es ist das allererste Mal, dass ich so etwas mache. Wie sagt man so schön: Mir geht die Düse! Denn diesmal geht es nicht nur um Worte, die ich geschrieben habe.
Es geht um meine eigene Stimme – in mehrfacher Hinsicht.
In meiner Familie fiel früher oft der Satz, der Klang meiner Stimme sei laut und schrill. Das war wohl nie böse oder als Bewertung gemeint. Und doch hat es sich festgesetzt. Es gehörte zu vielen Dingen, die man über mich sagte. Irgendwann habe ich aufgehört zu hinterfragen, ob das überhaupt stimmt. Ich habe es einfach geglaubt:
Meine Stimme war zu viel. Schublade auf und husch, husch hinein mit dir.
Als ich Jahre später begann, Meditationen zu schreiben, war dieser alte Satz sofort wieder da. Eine Stimme, die Menschen durch eine Meditation begleitet, sollte ruhig, weich und angenehm sein – davon war ich jedenfalls überzeugt. Und ich dachte: Meine ist das nicht.
Worte – zunächst in geschriebener Form –, begleiten mich schon mein ganzes Berufsleben.
Als Lektorin habe ich über viele Jahre den Entstehungsprozess von Büchern begleitet, Manuskripte gelesen, Konzepte entwickelt und gemeinsam mit Autorinnen und Autoren daran gearbeitet, Gedanken in eine klare Form zu bringen.
Ich liebe diesen Prozess. Ich liebe den Moment, in dem aus vielen einzelnen Gedanken langsam etwas Ganzes entsteht. Wenn ein roter Faden sichtbar wird und jemand plötzlich spürt: Ja, genau das wollte ich sagen.
Ich schaue gerne genau hin. Ich höre gerne zu. Ich nehme wahr, was zwischen den Zeilen liegt. Über viele Jahre war ich diejenige, die anderen Menschen geholfen hat, ihre Stimme zu finden. Meine eigene Stimme habe ich dabei oft eher im Hintergrund gehalten. Und es war okay für mich. Ich dachte, das sei mein Platz.
Irgendwann aber, hat sich etwas verändert. Es war kein großer Moment, kein lauter Knall, nachdem ich plötzlich wusste: Jetzt beginnt etwas Neues. Eher war es eine Frage, die immer wieder auftauchte:
Was möchte ich selbst noch in die Welt bringen?
Ich wollte nicht nur die Geschichten anderer Menschen begleiten. Ich wollte auch mit meiner eigenen Arbeit nach außen gehen. Das war erst mal ungewohnt. Denn mit der eigenen Stimme sichtbar zu werden bedeutet auch, etwas Persönliches zu teilen. Gedanken, Erfahrungen und Überzeugungen bekommen eine Form und verlassen den geschützten Raum, in dem sie entstanden sind. Und damit entsteht auch die Möglichkeit, bewertet zu werden.
Die letzten Jahre haben mich auf diesem Weg begleitet. Ich habe mich intensiver mit Achtsamkeit, mentaler Gesundheit, Resilienz, Selbstmitgefühl und der Frage beschäftigt, wie wir wieder mehr Verbindung zu uns selbst finden können. Ich habe Ausbildungen gemacht und mich immer wieder gefragt, wie ich mich selbst und andere Menschen gerade in Phasen begleiten kann, in denen sich im Leben etwas verändert und neue Orientierung gesucht wird.
Vor Kurzem habe ich eine besondere Weiterbildung begonnen, die mich noch ein Stück weiter auf den Weg bringt, Frauen in herausfordernden Lebensphasen ab 40 besser und nachhaltiger begleiten zu können. Auch diese Entscheidung fühlt sich für mich wie ein weiterer Schritt an, verschiedene Teile von mir zusammenzubringen.
Die Lektorin.
Die Autorin.
Die Coachin.
Die Frau, die selbst immer wieder lernt, sich zu zeigen.
Die Meditationen, die ich an diesem Vormittag einspreche, gehören zu meinem Buch Selfcare Kitchen.
Zum ersten Mal veröffentliche ich darin nicht nur Rezepte oder gut recherchierte Inhalte. Zwischen den Seiten steckt auch ganz viel von dem, was ich selbst – teilweise schmerzlich – erfahren, gelernt und über die Jahre gesammelt habe. Gedanken, die mich begleiten, Erkenntnisse, die mir wichtig geworden sind, und Dinge, von denen ich glaube, dass sie auch anderen Menschen guttun können.
Beim Schreiben wurde mir immer bewusster, dass ich mit diesem Buch nicht einfach nur ein Manuskript abgebe. Natürlich steckt darin Wissen und meine gut etablierte Erfahrung als „Büchermacherin“. Aber – und das macht dieses Buch für mich so besonders – es steckt auch meine Haltung darin. Meine ganz persönliche Sicht darauf, was Selbstfürsorge bedeutet (und was nicht), was uns im Alltag wirklich stärkt und wie wir wieder mehr Verbindung zu uns selbst finden können.
Und genau das macht mich auf eine Weise „verletzlich“. Die vertrauten Fragen in meinem Kopf wurden lauter: Warum sollte gerade ich so etwas schreiben? Was, wenn es nicht genügt? Wen zum Teufel sollte das interessieren?
Als ich im Tonstudio saß und die ersten Sätze gesprochen hatte, war ich noch sehr damit beschäftigt, wie meine Stimme klingt. Passt sie? Ist sie ruhig genug? Klingt sie so, wie eine Stimme für eine Meditation klingen sollte?
Und dann passierte etwas, das mich überrascht hat: Nach und nach rückte die Frage in den Hintergrund. Ich war einfach bei den Worten. Bei dem, was ich sagen wollte. Bei den Menschen, für die ich diese Meditationen und das Buch geschrieben habe. Und plötzlich war da dieses Gefühl:
Yes, das bin ich.
Meine Stimme muss nicht anders sein. Sie darf genauso klingen, wie sie klingt.
Das Monatsthema im Female Hub heißt „Feuer“.
Früher hätte ich dabei an etwas Großes gedacht. An brodelnde Leidenschaft, Energie und dieses innere Brennen, von dem so oft gesprochen wird. Etwas mit richtig Kawumms. Heute fühlt sich Feuer für mich anders an.
Mein Feuer ist leise.
Es zeigt sich in Entscheidungen, die von außen vielleicht gar nicht besonders spektakulär wirken und für mich trotzdem viel bedeuten. Eine Ausbildung, die ich beginne. Eine Idee, die ich umsetze. Ein Schritt, bei dem ich meine Komfortzone verlasse. Eine Stimme, die hörbar wird.
Ich glaube, viele Frauen kennen diese Momente. Dieses Gefühl, dass im Alltag vieles funktioniert und trotzdem irgendwann eine Frage auftaucht, die sich nicht mehr ganz wegschieben lässt.
Wie möchte ich eigentlich leben?
Was ist mir wirklich wichtig?
Welche Seiten von mir dürfen noch mehr Raum bekommen?
Ich kenne diese Fragen sehr gut. Und ich merke heute: Sie bedeuten nicht, dass etwas falsch ist. Sie können auch ein Zeichen dafür sein, dass etwas in uns wachsen möchte.
Ich bin noch mitten in diesem Prozess. Es gibt weiterhin Momente, in denen ich zweifle und mich frage, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Aber etwas hat sich verändert.
Ich gehe los.

Dieser Satz fühlt sich für mich gerade wichtiger an als jede große Antwort.
Ich gehe los, auch wenn ich noch nicht jeden Schritt kenne. Ich gehe los, weil ich spüre, dass etwas in mir darauf wartet, gelebt zu werden.
Mein Feuer ist keine große Flamme, die sofort alles erhellt. Es ist eher etwas, das stetig wärmt. Etwas, das mich daran erinnert, was mir wichtig ist. Meistens beginnt ein neues Kapitel nämlich genau so:
Mit einer Entscheidung. Mit einem ersten Wort. Mit einem ersten Schritt.
Und mögen sie auf den ersten Blick noch so klein sein. Das ist genau das der Moment, in dem wir eine neue Richtung spüren: Wenn wir wieder anfangen, uns selbst zuzuhören.
In meinen 1:1 Coachings begleite ich Frauen dabei, genau dort hinzuschauen. Gemeinsam sortieren wir, was gerade da ist, was sich verändern möchte und welche Schritte sich wirklich stimmig anfühlen. Es geht darum, wieder mehr Kontakt zu sich selbst zu finden und mit einem klareren Blick auf das eigene Leben weiterzugehen. Schritt für Schritt.

Wer hier schreibt?
Ich bin Julia – Autorin, Lektorin, systemische Mental-Health-Coachin und Meditationslehrerin. Mit meiner Familie lebe ich in Berlin.
Seit vielen Jahren begleite ich Menschen dabei, den roten Faden zu finden – zunächst in Büchern, heute auch in Lebensphasen. Ich unterstütze Frauen in Zeiten des Umbruchs dabei, innezuhalten, Gedanken zu sortieren und wieder mehr in Verbindung mit sich selbst zu kommen. Besonders dann, wenn sich das Leben nicht mehr ganz nach ihnen anfühlt. In meiner Arbeit verbinde ich Reflexion, Schreiben, Achtsamkeit und alltagstaugliche Impulse zu einem Raum, in dem Orientierung wachsen darf – mit Klarheit, Mitgefühl und dem Vertrauen, dass die Antworten oft schon da sind.
Mehr zu meiner Arbeit unter www.julia-bauer.berlin oder auf Insta unter @julia.bauer.berlin
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