Darf man ein Leben loslassen, obwohl man es liebt?

Was, wenn das Leben, das Du Dir aufgebaut hast, plötzlich nicht mehr zu Dir passt?Wenn aus einem Paar eine Familie wird – und plötzlich die Frage im Raum steht: Wo ist unser Zuhause? Über veränderte Werte, das Loslassen eines Lebens, das ich liebte – und warum meine Rückkehr in meine Heimat kein Rückschritt war.
Ein Artikel von Iris Jansen
Der Baum steht noch da. Auf dem Spielplatz in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Derselbe Baum, auf den ich als kleines Mädchen geklettert bin. Heute wohne ich wieder ganz in der Nähe. Im Haus meiner Großeltern, direkt neben meinen Eltern. Allein dieser Satz hätte mein jüngeres Ich vermutlich in Panik versetzt. Denn wie so viele andere bin auch ich irgendwann losgezogen. Erst nach Köln, später über einige Umwege nach Berlin. Weg aus dem kleinen Ort, weg von dem Leben, aus dem ich kam, hinein in mein eigenes. Und ich liebte es.
Ich liebte Großstadt. Dieses Gefühl, dass das Leben direkt vor der Haustür stattfindet. Die Cafés, Restaurants, Konzerte, Partys, Ausstellungen, Yogastudios. Menschen aus allen möglichen Welten. Neue Ideen. Neue Lebensentwürfe. Sich irgendwo draußen einen Kaffee holen, mitten im Trubel sitzen und das Gefühl haben: Hier passiert gerade die Welt und ich bin Teil davon.


Wir hatten in Berlin irgendwann genau dieses Leben, das wir uns gewünscht hatten. Eine großartige Wohnung in einem tollen Viertel. Freunde. Möglichkeiten. Alles um uns herum. Ich hatte nicht das Gefühl, dort auf der Durchreise zu sein. Ich hatte mir dort mein Leben aufgebaut.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Frage, die irgendwann auftauchte, so schwierig war:
Kann es sein, dass dieses Leben nicht mehr zu uns passt?

Wenn sich nicht das Leben verändert – sondern sein Wert
Die Antwort kam nicht plötzlich. Sie kam mit unserem Sohn.
Denn mit einem Kind verändert sich nicht einfach nur der Tagesablauf. Zumindest bei mir hat sich etwas viel Grundsätzlicheres verschoben: Meine Werte haben sich verändert. Dinge, die für mich jahrelang Freiheit bedeutet hatten, waren plötzlich nicht mehr das, wonach ich mich am meisten sehnte.
Natürlich finde ich ein tolles Restaurant noch immer toll. Insbesondere die Möglichkeit, zu jeder Zeit, in wenigen Gehminuten dort zu sein. Ich liebe schöne Orte, Kultur, Reisen, besondere Yogastudios und einen richtig guten Kaffee irgendwo mitten im Melting Pot einer Großstadt. Aber ich brauche all das nicht mehr täglich, um das Gefühl zu haben, ein gutes Leben zu führen. Plötzlich bekamen andere Dinge ein Gewicht, das ich vorher gar nicht verstehen konnte.
Platz.
Ein Garten.
Ruhe. (Insbesondere Nachts – was es in Berlin nicht wirklich gibt)
Natur, direkt vor der Haustür.
Einen Waldkindergarten.
Großeltern, die nicht für einen Besuch erst mehrere hundert Kilometer fahren müssen.
Eine Mutter nebenan, die da ist, wenn das Leben einmal nicht nach Plan läuft.

Und vor allem dieses vollkommen unspektakuläre gemeinsame Familienleben. Gemeinsames Frühstück. Ein Kind, das durchs Haus rennt. Irgendetwas im Garten machen. Zusammen kochen. Jemand kommt kurz nebenan vorbei. Abends auf dem Sofa landen. Dinge, die in keinem Reiseführer stehen und die ich mit Mitte zwanzig vermutlich nicht einmal als besonders erstrebenswert bezeichnet hätte. Heute sind sie für mich unbezahlbar.

Das Kostbarste in meinem Leben ist erstaunlich alltäglich geworden.
Und genau darin liegt vielleicht eine der Herausforderungen des Älterwerdens: Wir bauen uns ein Leben nach unseren Werten auf – und vergessen manchmal, dass unsere Werte nicht für immer dieselben bleiben.
Darf ich ein Leben loslassen, obwohl ich es liebe?
Ich glaube, genau diese Frage beschäftigt viele Menschen, wenn sie eine Familie gründen.
Man ist irgendwann weggegangen. Hat studiert, gearbeitet, Menschen kennengelernt, vielleicht eine Großstadt zu seinem Zuhause gemacht. Man hat sich dort sein eigenes Leben erschaffen – oft ganz bewusst anders als das, aus dem man kommt. Und dann bekommt man ein Kind. Plötzlich tauchen Fragen auf, die vorher vollkommen irrelevant waren.
Wo soll unser Kind aufwachsen? Und wie überhaupt?
Wer gehört zu seinem Alltag?
Wie viel Platz brauchen wir eigentlich?
Wie möchten wir als Familie leben?
Und manchmal führt die ehrliche Antwort ausgerechnet dorthin, wo man einmal unbedingt wegwollte.
Für mich fühlte sich allein dieser Gedanke zunächst furchtbar an. Zurück in meine Heimat? Ins Haus meiner Großeltern? Direkt neben meine Eltern? Oh Gott...
Nach zehn Jahren Köln, 2 Jahren Süddeutschland, 8 Jahren Berlin, Reisen, Retreats und all den Welten, die ich inzwischen kennengelernt hatte? Das klang in meinem Kopf nicht nach Entwicklung.
Es klang nach Rückschritt. Wie sollte mein weit gewordener Horizont je wieder in die 'kleine Welt' passen, vor der ich damals geflüchtet bin?

Entwicklung geht nicht immer nur nach vorne
Wir erzählen Entwicklung gerne als gerade Linie. Größer. Weiter. Erfolgreicher. Unabhängiger. Mehr Möglichkeiten.
Weggehen gilt als Entwicklung. Zurückkommen schnell als Rückschritt.
Aber was, wenn unser Leben gar nicht so funktioniert? Was, wenn Entwicklung manchmal bedeutet, etwas wieder wichtig zu finden, das wir mit zwanzig unbedingt hinter uns lassen mussten? Nicht weil wir wieder die Alten geworden sind, nein, weil wir inzwischen uns verändert haben. Diese Erfahrung hatte ich in meinem Leben tatsächlich schon öfter gemacht.
Auch beruflich gilt es immer wieder neu hinzuschauen, ob wir noch 'zu Hause sind' in dem Job, den wir tun.
Als ich Anfang zwanzig als Hair- & Make-up-Artist erfolgreich war, lief beruflich eigentlich alles in die richtige Richtung. Ich reiste, arbeitete mit tollen Fotografen, Magazinen und in der Werbung, hatte eine gute Agentur.
Und trotzdem merkte ich auf dem Höhepunkt:
Ich will das nicht mehr. Meine spirituelle Suche hatte etwas in mir verändert. Andere Fragen waren wichtiger geworden. Also ließ ich eine Karriere los, die ich mir selbst aufgebaut hatte, und begann noch einmal neu.
Später baute ich mein eigenes Yogastudio auf. Zu meiner ersten Stunde kam genau eine Frau – aber hey, sie war da. Aus ihr wurden viele, ich hatte irgendwann ein kleines Team und begann meine ersten Retreats anzubieten. Ich liebte dieses Studio. Und dann ließ ich auch das los. Für die Liebe. Für einen neuen gemeinsamen Lebensabschnitt. Später wurde Berlin mein Zuhause. Und irgendwann musste ich auch Berlin loslassen. Wenn ich heute darauf zurückblicke, sehe ich darin ein Muster:
Fast jeder große Schritt meines Lebens hat mich etwas gekostet, das ich gleichzeitig geliebt habe.
Das finde ich wichtig.
Denn wir warten manchmal darauf, dass sich etwas schlecht anfühlt, bevor wir uns erlauben, es zu verlassen.
Aber vielleicht ist das gar nicht immer so. Vielleicht kann etwas wunderschön gewesen sein. Vielleicht kann es uns genau das gegeben haben, was wir in dieser Zeit gebraucht haben. Und trotzdem vorbei sein.

Loslassen macht das Davor nicht falsch
Das ist für mich eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt. Ich muss mein altes Leben nicht kleinreden, damit mein heutiges richtig sein darf. Berlin war nicht oberflächlich und mein heutiges Familienleben „tiefer“. Mein Leben damals war nicht weniger wertvoll als heute. Es waren andere Werte. Andere Bedürfnisse. Eine andere Lebensphase. Ich möchte den Kaffee im Hipster-Café nicht gegen mein heutiges Leben eintauschen. Aber ich möchte genauso wenig die Frau belächeln, für die genau dieser Kaffee, die Menschen um sie herum und dieses pulsierende Stadtleben einmal Ausdruck von Freiheit waren. Sie war ich. Und sie war genau richtig.
Transformation bedeutet für mich nicht, ständig eine bessere Version von uns zu erschaffen. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, wahrzunehmen, wann eine Version unseres Lebens erfüllt ist. Und dann den Mut zu haben, sie loszulassen.
Also kamen wir zurück
Corona hatte vieles zusätzlich verändert. Meine Retreats fielen weg, unsere Wohnung wurde mit Kind zu klein, Berlin immer teurer und unsere Familie war weit entfernt. Irgendwann entschieden wir uns tatsächlich für das Haus meiner Großeltern. Und die erste Zeit war nicht einfach. Denn geografisch zurückzukommen bedeutete auch, mich mit meiner Herkunft wieder neu auseinanderzusetzen.
Nach fast zwanzig Jahren war ich plötzlich wieder ganz nah an meiner Mutter. Und musste herausfinden, wie man Tochter sein kann, ohne wieder zum Kind zu werden.
Ich war nicht mehr diejenige, die gegangen war. Und auch meine Mutter war nicht mehr dieselbe Frau.
Wir mussten uns neu kennenlernen. Und das war ein heilsamer und wichtiger Wachstumsprozess, den ich wirklich jedem empfehlen würde.


Heute lebe ich seit sechs Jahren wieder hier. In einem Haus, das mein Großvater selbst mitgebaut hat. Mein Sohn wächst mit seinen Großeltern nebenan auf. Ich gehe durch dieselben Felder und Wälder, durch die ich als Kind gegangen bin. Ich entdecke Familiengeschichte, die mich früher überhaupt nicht interessiert hätte. Und natürlich vermisse ich manchmal Dinge. Manchmal vermisse ich Berlin. Manchmal vermisse ich es, einfach vor die Tür zu gehen und fünf fantastische Restaurants, drei Cafés und vier Yogastudio zur Auswahl zu haben.
Man darf ein früheres Leben vermissen und das heutige trotzdem mehr lieben. Vielleicht gehört auch das zum Erwachsenwerden.
Und dann verändern sich die Werte wieder
Ich glaube inzwischen nicht einmal mehr, dass das hier nun die endgültige Antwort ist. Vielleicht sitze ich in zehn Jahren da und stelle fest, dass sich meine Werte schon wieder verschoben haben. Warum auch nicht?
Unser Leben verändert sich. Unsere Kinder werden größer. Beziehungen verändern sich. Körper verändern sich. Arbeit verändert sich. Wir verlieren Menschen, lernen neue kennen, werden mutiger oder sehnen uns plötzlich nach Dingen, die uns früher vollkommen egal waren. Warum sollten ausgerechnet unsere Werte statisch bleiben?
Vielleicht sollten wir deshalb viel öfter innehalten und uns fragen:
Was ist mir heute wirklich wichtig? Nicht vor zehn Jahren. Nicht in der Vorstellung, die ich einmal von meinem Leben hatte. Nicht für die Menschen um mich herum.
Heute. Und dann kommt der schwierigere Teil: Lebt mein Leben eigentlich noch danach?
Mein Zuhause darf heute auch eine Tür haben
Eine meiner jüngsten Antworten auf diese Frage betrifft etwas, das ich früher vermutlich ebenfalls anders gesehen hätte. Nähe. Ich war immer sehr offen. Wenn ich Menschen mochte und ihnen vertraute, habe ich gerne geteilt, eingeladen, gegeben. Mein Zuhause, meine Arbeit, mein Privates – vieles durfte ineinanderfließen.
Auch darin haben sich meine Werte verändert.

In einer sehr engen Verbindung habe ich irgendwann gemerkt, dass Berufliches und Privates, Nähe und Distanz zu stark miteinander verschmolzen waren.
Und daraus habe ich etwas gelernt: Offenheit braucht Grenzen.
Mein Zuhause ist heute nicht einfach der Ort, an dem meine Tür für jeden offensteht. Es ist der geschützte Raum meiner Familie. Hier wohnen unsere Geschichten. Unsere Gespräche. Unser Chaos. Unsere Rückzugsorte. Unser Alltag. Und nicht jeder Mensch, dem ich nah bin, braucht deshalb automatisch einen Schlüssel zu allem.
Ich mag inzwischen das Bild einer Burg. Nicht mit hohen Mauern gegen die Welt. Aber mit einem Tor.
Und ich entscheide, wann es aufgeht. Das gilt für mein Haus genauso wie für mich. Ich darf großzügig sein und Grenzen haben. Ich darf Menschen lieben und Nein sagen. Ich darf Nähe zulassen, ohne mich vollständig zugänglich zu machen. Auch das ist ein Wert, den ich heute anders sehe als früher. Und vielleicht ist das sogar das Spannendste am Leben:
Wir kommen nie endgültig irgendwo an.
Der Baum steht noch da
Manchmal gehe ich heute durch das Dorf meiner Kindheit und komme an diesem Spielplatz vorbei.
Der Baum steht immer noch da.

Und wenn ich ihn sehe, denke ich inzwischen nicht mehr: Jetzt bist du wieder am Anfang.
Denn ich bin nicht zurückgegangen. Zwischen dem Mädchen auf diesem Baum und mir liegen Köln und Berlin. Liebe und Yoga. Karriere und Neuanfänge. Mein erstes Studio. Retreats. Menschen, die kamen und gingen. Mutterwerden. Entscheidungen, die richtig waren und trotzdem wehgetan haben. Leben, die ich geliebt und irgendwann losgelassen habe.
All das ist mit mir hierher zurückgekommen.
Und vielleicht ist genau das für mich heute Coming Home: Nicht an einem bestimmten Ort anzukommen.
Sondern immer wieder zu erkennen, was für die Frau, die ich heute bin, wirklich von Wert ist.
Und den Mut zu haben, mein Leben danach auszurichten.
Auch wenn das bedeutet, etwas loszulassen. Auch wenn es einmal genau das war, was ich wollte.
Auch wenn andere nicht verstehen, warum. Denn unser Leben ist keine Sammlung von Entscheidungen, an denen wir für immer festhalten müssen. Es ist Veränderung. Und manchmal führt uns diese Veränderung weit hinaus in die Welt. Manchmal führt sie uns aus einem Beruf. Aus einer Stadt. Aus einer Vorstellung davon, wer wir glaubten sein zu müssen. Und manchmal führt sie uns – fast zwanzig Jahre später – wieder zu einem Baum, auf den wir als Kind geklettert sind. Heute stehe ich dort als eine andere Frau. Und genau deshalb kann ich endlich sagen: Ich bin zu Hause.

Iris Jansen
Yoga | Embodiment | Körperweisheit | Zyklisches Leben
Hi, ich bin Iris. Initiatorin, Raumhalterin und Verbinderin im Female Hub. Ich glaube daran, dass jede Frau bereits alles in sich trägt, was sie braucht. Manchmal braucht es nur die richtigen Impulse, Erfahrungen und Menschen, um sich daran zu erinnern.
Genau dafür erschaffe ich seit über 21 Jahren Räume für Frauen.
Als Yogalehrerin, Körpertherapeutin, Mentorin und Raumhalterin habe ich in den vergangenen zwei Jahrzehnten hunderte Frauen begleitet, über 50 Retreats veranstaltet, ein Yogastudio geleitet, Yogalehrer ausgebildet, als Co-Founderin ein Unternehmen aufgebaut, ein Zyklus-Tool entwickelt und ein Buch geschrieben.
Im Female Hub teile ich meine Erfahrung rund um Yoga, Embodiment, Körperweisheit, Weiblichkeit, zyklisches Leben, Rituale und persönliche Entwicklung.
Als Mama eines Sohnes und in einer langjährigen Partnerschaft weiß ich aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd und gleichzeitig erfüllend es sein kann, Familie, Beziehung und die eigenen Träume miteinander zu verbinden. Und wie wichtig es ist, sich selbst dabei nicht zu verlieren, sondern weiterzuwachsen, den eigenen Weg zu gehen und das Leben bewusst zu gestalten. Vielleicht ist genau deshalb meine größte Stärke das Zusammenbringen. Von Menschen. Von Ideen. Von Möglichkeiten.
Denn ich glaube:
Wenn Frauen ihre Stärken miteinander verbinden, entsteht etwas, das größer ist als jede Einzelne von uns.
Und genau aus dieser Überzeugung heraus ist The Female Hub entstanden.
Ich freue mich, dass du hier bist.





Kommentare